Die neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Sonja Optendrenk, spricht sich dafür aus, den Ausschluss von Abnehmmitteln aus der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen zu überdenken. „Wir führen in Deutschland eine rückständige Diskussion über Adipositas“, sagte Optendrenk dem „Spiegel“. Andere Länder wie Großbritannien hätten „konsequent akzeptiert, dass das eine echte Krankheit ist, die sich nicht nur durch Sport und bessere Ernährung zurückdrehen lässt“.
Mittel wie Wegovy oder Mounjaro gelten in Deutschland per Gesetz als „Lifestyle“-Präparate, Patienten zahlen sie selbst. Dass auch Arzneimittel, die ausdrücklich zur Behandlung der Adipositas zugelassen sind, unter diesen Paragrafen fallen, sei für Betroffene „ein Zeichen dafür, dass diese Anerkennung fehlt“, so Optendrenk. „Es wäre sicher überlegenswert, solche Abnehmmittel als Medikation unter bestimmten Bedingungen als Kassenleistung anzuerkennen.“
Bei Mitteln zur Tabakentwöhnung habe der Gesetzgeber die Regel bereits angepasst. Optendrenk brachte ins Spiel, dass der Gesetzgeber den G-BA beauftragen könnte, zu klären, welche Patientengruppen die Arzneimittel bekommen sollten, wie lange und mit welchen Begleitmaßnahmen. Zugleich mahnte sie: „Solange das Gewicht nach dem Absetzen sofort zurückkommt, ist eine Spritze allein kein Versorgungskonzept.“ Langzeitstudien fehlten bislang.
Kritisch äußerte sich die G-BA-Chefin zur bisherigen deutschen Arzneimittelpreispolitik: „Bislang haben wir Industriepolitik über unsere Arzneimittelpreise betrieben, aber das funktioniert nicht mehr.“ Die Krankenversicherung könne die Preise nicht dauerhaft hochhalten, um den Pharmastandort zu fördern. Den Vorwurf von US-Präsident Donald Trump, Europa lasse sich seine Medikamente von den Amerikanern subventionieren, wies sie zurück: „Deutschland ist kein Niedrigpreisland, Medikamente sind hier deutlich teurer als in den meisten anderen Ländern.“ Wenn die USA niedrigere Preise wollten, könnten sie diese jederzeit selbst regulieren.
Mit Blick auf die Krankenhausreform sagte Optendrenk, von den derzeit rund 1.800 Kliniken in Deutschland würden „auf jeden Fall weniger“ übrig bleiben als heute. Entscheidend sei nicht die Zahl, „sondern dass jedes Krankenhaus das macht, was es am besten kann“. Operationen, die spezialisiertes Wissen voraussetzten, sollten in spezialisierten Häusern stattfinden.
Den designierten Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) verteidigte Optendrenk gegen Zweifel an seiner fehlenden gesundheitspolitischen Erfahrung: „Ein Minister Linnemann könnte sogar hilfreich sein: Er hat einen anderen Zugang zur Wirtschaft und redet vielleicht anders mit ihr.“
Optendrenk führt seit Anfang Juli als erste Frau den Gemeinsamen Bundesausschuss, das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Es entscheidet, welche Leistungen und Therapien die gesetzlichen Kassen ihren 74 Millionen Versicherten erstatten.
dts Nachrichtenagentur


