Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann rechnet damit, dass der von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eingeführte neue Wehrdienst bald von einer allgemeinen Dienstpflicht abgelöst wird.
„Die Wehrpflicht kann nicht auf Knopfdruck wieder aktiviert werden“, sagte Naumann zwar dem Nachrichtenportal T-Online. Insofern sei der „Zwischenschritt“, den Pistorius mit seinem freiwilligen Wehrdienstmodell mache, „möglicherweise richtig“. Doch müsse man sich angesichts der schwachen Resonanz auf den neuen Wehrdienst darauf einstellen, „dass die Diskussion, ob wir wieder eine allgemeine Wehrpflicht brauchen, auf uns zukommen wird.“
Naumann verwies darauf, dass von den 300.000 Fragebögen, die seit Jahresanfang an junge Menschen verschickt worden sind, bisher nur ein kleiner Teil positiv beantwortet wurde. „Das ist nicht unbedingt ein Zeichen für eine Bereitschaft, in der Bundeswehr zu dienen“, so der frühere Vorsitzende des Nato-Militärausschusses. Die Bundeswehr brauche schnell qualifiziertes Personal. „Es hilft nichts, wenn wir die kriegen, die glauben, sie könnten woanders kein Geld verdienen. Wir brauchen junge Menschen, die leistungsbereit sind, die opferbereit sind, die auch qualifiziert genug sind, mit komplexer Technik fertig zu werden.“
Naumann lobte die 2011 ausgesetzte allgemeine Wehrpflicht als „fantastisches Instrument“ zur Rekrutierung von Längerdienenden. Er erinnerte in dem Zusammenhang daran, dass die Bundeswehr damals rund 20 Prozent des Offiziernachwuchses und etwa 40 Prozent des Unteroffiziernachwuchses über die allgemeine Wehrpflicht habe generieren können. „Das sind Zahlen, von denen das heutige Verteidigungsministerium nur träumen kann.“ Daher werde sich die Frage der allgemeinen Wehrpflicht früher oder später stellen, glaubt er. „Wir müssen dann sicherlich über eine allgemeine Dienstpflicht nachdenken, nicht nur über Wehrpflicht.“
Generell sieht Naumann die deutsche Gesellschaft noch nicht hinreichend vorbereitet auf eine neue Bedrohungslage: „Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Bevölkerung bereit ist, für den Schutz von Freiheit und Demokratie einzutreten und dabei auch Opfer zu bringen und das letzte Risiko einzugehen.“ Er habe da „erhebliche Zweifel“. Verteidigung sei nie nur eine Sache der Streitkräfte gewesen, sondern immer eine der Gesamtgesellschaft. „Alles, was wir da gemacht haben, Vorbereitungen im Gesundheitswesen, in der Bevorratung von Lebensmitteln, Bevorratung von Wasser, Räume für die Bevölkerung, ist zu stark und nahezu völlig abgebaut worden, weil wir gedacht haben, der Ewige Friede ist zur Hand.“ Dieser sei aber eine Illusion. „Die Natur des Menschen wird es niemals zulassen, dass wir keine Kriege mehr sehen. Der Krieg bleibt ein unangenehmer Begleiter von uns Menschen.“
Die frühere Forderung von Verteidigungsminister Pistorius, die Bundeswehr wieder „kriegstüchtig“ zu machen, verteidigte Naumann. „Man kann über die Wortwahl Kriegstüchtigkeit sicher sehr streiten. Und vielleicht war es für unsere Gesellschaft so etwas wie eine kalte Dusche auf eine von der Sonne erhitzte Haut.“ Naumann interpretiert das Wort des Ministers so: „Die Streitkräfte müssen in der Lage sein, Krieg zu führen, damit Krieg nie wieder auf deutschem Boden stattfindet.“
Die Ausrichtung der Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten bewertet der frühere Generalinspekteur kritisch. Die Balance zwischen Landes- und Bündnisverteidigung und Auslandseinsätzen sei „nicht so gewahrt, wie sie hätte gewahrt werden müssen“. Auslandseinsätze in den Blick zu nehmen, sei nicht per se falsch gewesen. „Was ich aber für völlig falsch halte, ist die ausschließliche Ausrichtung auf diese Einsätze.“ So sei die Auflösung der Heeresflugabwehrtruppe „ein katastrophaler Fehler, denn zu dem Zeitpunkt war schon erkennbar, dass es eine Entwicklung Richtung Drohnenkrieg geben könnte“.
dts Nachrichtenagentur


